Hamm kann auf eine bewegte Geschichte zurückblicken

Im Hammer Land begegneten sich in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder unterschiedliche Interessen von Herrscherhäusern, so zwischen dem Hause Sayn und dem Herzogtum Berg. Erz, Eisen und Pulver ließen den Raum Hamm Jahrhunderte lang zu einem Begriff weit über die Heimatgrenzen hinaus werden. Weltweites Ansehen erlangte der Ort durch den am 30. März 1818 in Hamm geborenen Begründer des ländlichen Genossenschaftswesens, Friedrich Wilhelm Raiffeisen

 

Am 31. März 2006 jährt sich zum 875. Male die erste urkundliche Erwähnung des Ortes Hamm, besser gesagt des Kirchspieles Hamm. Papst Innocenz II. war es, der am 31. März 1131 „Ecclam Hamne cum tota dec“ in der 11. Zeile einer Urkunde niederschreiben ließ. Die Urkunde, die heute im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf in Verwahrung liegt, gibt Auskunft über den damaligen Güterstand des St. Cassius-Stiftes in Bonn, wo auch der Zehnt von Hamm bestätigt wird. Vögte dieses Stifts waren die Grafen zu Sayn, die wiederum dem Sieg- oder Auelgau unterstanden, der allerdings im Jahre 1060 zerfiel.

Erzbischof Anno der Heilige von Köln fand sich in die dynastischen Kämpfe verwickelt, die die Territorialpolitik der Pfalzgrafen auflösen musste. Ein hartnäckiges „Tauziehen“ um die wichtigste Position an der oberen Sieg begann etwa Mitte des 13. Jahrhunderts zwischen den Grafen von Sayn und den Grafen von Berg. Das Ringen sollte bis in den 30-jährigen Krieg andauern. Die Lehns- und Besitzverhältnisse aus dieser Zeit sind sehr verwickelt und auch teilweise umstritten. Es bleibt jedoch festzustellen, dass das Gebiet um Hamm von jeher Grenzgebiet war und manche Kämpfe um dieses Gebiet stattgefunden haben. Teile des Besitzes wechselten dabei öfters. Der Siegburger Vertrag von 1604 konnte manche der Probleme lösen. Ansehnliche Güter in Größe von 1250 Morgen Ackerland und fast 1000 Morgen Wald in und um Hamm gehörten der Familie Nesselrode. Die sogenannten Nesselrodischen Güter im Hammer Kirchspiel waren: drei Höfe zu Hamm, darunter Scheidt; der Hof zu Kappenstein; der Hof zu Opsen und ein Hof zu Fürthen. Diese Güter gingen später in den Besitz einheimischer Pächter über. Von fortwährenden Erbauseinandersetzungen wurde die weitere Entwicklung von Hamm geprägt. Im Jahre 1652 erfolgte die Teilung der Grafschaft Sayn in die selbständigen Grafschaften Sayn-Hachenburg und Sayn-Altenkirchen. Das Kirchspiel Hamm wurde dabei aus dem Altenkirchener Bezirk gelöst und der Grafschaft Hachenburg zugeschlagen.

Große und entsetzliche Leiden für das Hammer Land brachte der 30-jährige Krieg mit. Die Überlieferungen berichten von einer Pest, die im Jahre 1636 ausbrach und 600 Todesopfer forderte. Durch die Pest starben ganze Familien aus. Am 24. Januar 1636, dem Johannistag, zog eine kaiserliche Armee durch den Ort und das Kirchspiel und am 15. September des gleichen Jahres besetzten Truppen des Bischofs von Osnabrück den Hammer Raum. Die Bevölkerung musste viel Leid, Demütigungen, Plünderungen und Misshandlungen erleiden. Auch in den Jahren 1637 bis 1639 zogen Soldaten plündernd, mordend und brandschätzend durch den Ort.

 

Weiter wird berichtet: „Im 22. Kriegsjahr, am Abend des 4. April 1640 geschah ein Erdbeben, in dem ein Hammer Pastor Gottes Zorn erkennen wollte. Im Sommer 1641 waren wieder Soldaten unterwegs. Die gräflihe Herrschaft von Sayn hatte inzwischen Landmiliz einberufen und soweit es möglich war, setzten sich Bauern und Schützen den Soldaten zur Wehr. Am 24. August 1646, dem Bartholomäustag, kommen weitere Soldaten ins Dorf mit der Absicht zu plündern. Die Schützen geben vom Kirchturm her Feuer. Darauf entzündet sich die Kirch oben im Helm (des Turmes) und brennt ab. Die Schützen schießen tapfer auf die Partei (Soldaten), dass deren etliche tot bleiben. Als die Glocken schmelzen, stülpen die Schützen Kessel auf sich, damit sie von der Glockenspeis keinen Schaden nehmen. Damals sind viel Sachen in der Kirch verbrannt…“

Nicht viel besser als im Dreißigjährigen Krieg erging es der Bevölkerung in und um Hamm herum während der Raubzüge Ludwigs XIV.

Auch während des ersten (1740 bis 1742) und zweiten (1744 – 1745) Schlesischen Krieges gab es wieder Truppendurchzüge und Einquartierungen. Weiter betroffen wurde Hamm und das Kirchspiel vom Siebenjährigen Krieg sowie von den Revolutionskriegen in den Jahren 1792 bis 1797. So befand sich im Jahre 1796 neben einem Lazarett auch ein Militärmagazin in Hamm, an das die Bauern Heu und Stroh zu liefern hatten.

In diesen turbulenten Zeiten hatte sich in Bitzen und Oppertsau eine Räuberbande gebildet, die einige Jahre lang die Gegend unsicher machte. Eines ihrer tollsten Gaunerstücke war, so die Überlieferung, dass sie dem Pastor zu Holpe (Gemeinde Morsbach) einen fast neuen Karren stahlen und diesen dann dem Hammer Schultheißen Lantzendörfer verkauften.

 

In diesen turbulenten Zeiten hatte sich in Bitzen und Oppertsau eine Räuberbande gebildet, die einige Jahre lang die Gegend unsicher machte. Eines ihrer tollsten Gaunerstücke war, so die Überlieferung, dass sie dem Pastor zu Holpe (Gemeinde Morsbach) einen fast neuen Karren stahlen und diesen dann dem Hammer Schultheißen Lantzendörfer verkauften.

 

Durch Erbschaft kam dann die Grafschaft Sayn-Hachenburg, und somit auch Hamm, an die Grafen von Manderscheid-Blankenburg, dann 1705 zum Teil und 1714 ganz an die Burggrafen von Kirchberg. Im Jahre 1799 starb dann das Herrscherhaus Kirchberg aus, und Sayn-Hachenburg mit Hamm kam an die Fürsten von Nassau-Weilburg. Am 21. Juni 1815 wurde das Kirchspiel Hamm an Preußen abgetreten und kam 1816 zum neu gebildeten Kreis Altenkirchen. Die bewegte Geschichte des Ortes Hamm kann in dem von der Hammer Heimatforscherin Brigitte Burbach geschriebenen und zu Jahresbeginn von der Ortsgemeinde Hamm herausgegebenen Buch „875 Jahre Leben in Hamm“ nachgelesen werden. Das Buch ist bei der Ortsgemeinde Hamm, im Rathaus Hamm und im örtlichen Buchhandel erhältlich.

Auszug aus der Urkunde von Papst Innocenz II. im Jahre 1131

(entnommen aus dem Buch „875 Jahre Leben in Hamm) von Brigitte Burbach

 

. . . Indem wir im Herrn geliebte Söhne, euren gerechten Wünschen entgegenkommen, nehmen wir die Bonner Kirche, in welcher ihr dem Dienste Gottes obliegt, unter den Schutz des Hl. Petrus und des apostolischen Stuhls und bestätigen durch schriftliche Urkunde, dass sämtliche Güter, welche dieselbe gegenwärtig rechtmäßig und kanonisch besitzt oder in Zukunft mit Genehmigung der Päpste durch Freigebigkeit der Fürsten und Opferwilligkeit der Gläubigen vernünftiger Weise erwerben wird, euch und euren Nachfolgern fest und unverkürzt verbleiben sollen. Als solche sind namentlich die folgenden anzuführen: Zwei Höfe in Bonn mit einem Teil des Zehnten; ein Hof zu Rheydt (Sieg) und die Kirche mit dem ganzen Zehnten; … ein Hof und die Kirche zu Dattenfeld mit dem ganzen Zehnten; ein Hof zu Birnbach (Kreis Altenkirchen) und die Kirche mit dem ganzen Zehnten; … die Kirche zu Waldbröl mit dem ganzen Zehnten; die Kirche zu Nümbrecht mit dem ganzen Zehnten; die Kirche zu Leuscheid mit dem ganzen Zehnten; die Kirche zu Hamm (Sieg) mit dem ganzen Zehnten; die Kirche zu Herchen mit dem ganzen Zehnten; die Kirche zu Friesenhagen mit dem Zehnten; die Kirche zu Morsbach mit einem Teil des Zehnten . . .Ferner bestätigen wir der Bonner Kirche die Freiheit, vermöge der alle Kirchen, welche ihr zugehören, von jeder bischöflichen Auflage frei sind, wie ihr dieses Recht bis zur jetzigen Zeit zuverlässig besessen habt. Ich Innocenz, Bischof der christlichen Kirche – (Die Unterzeichnerzeile enthält links die sogenannte „rota“ eine Art Siegelstempel, mit dem Namen und Regierungsmotto von Papst Innocenz II; rechts ist das Monogramm angeordnet, in dem der Papstname kunstvoll zusammengefügt ist.)

 

Text, Fotos und Repros: Rolf-Dieter Rötzel

 

 

AUS MACK HEIMATBUCH HAMM 1956

 

Otto Ernst Löttgen: Aus der Geschichte der alten Kirche Hamm (bis zur Reformation)

Eine Legende rankt sich um Kirche und Zehntgüter Hamms. Einst lebte eine gläubige Fürstin. All ihr Trachten ging dahin, ihren geliebten Sohn Konstantin der christlichen Lehre zuzuführen. Doch des Sohnes Leben war ganz der irdischen Macht verschrieben. Er wurde Kaiser des gewaltigen römischen Reiches. Da pilgerte die fromme Mutter Helena in das Heilige Land, um daselbst für ihren Sohn zu beten. Gott erbarmte sich der hohen Frau und ließ sie das Marterholz unseres Herrn und Heilandes finden. Voller Freude regte sie die Gründung der Grabeskirche zu Jerusalem an, deren hochherzige Stifterin sie wurde. Die Kirche hat diese edle Frau heilig gesprochen. Sie starb 326 und erlebte es noch, daß sich Konstantin der Große der Lehre Christi zuwandte und vor dem Zeichen des Kreuzes beugte, obwohl er sich erst auf dem Totenbett (337) taufen ließ.

Die Hl. Helena soll auch das alte Cassiusstift zu Bonn mit gewaltigen Einkünften ausgestattet und den tätigen Sinn der Stiftsherrn auf unser Hammer Gebiet gerichtet haben. Noch im Jahre 1524, gelegentlich eines Rechtstreites mit dem saynischen Grafen, führten die Bonner

Stiftsherren gewichtig ins Feld, daß sie die Kirche und Zehntgebiete von Hamm seit „über drei und mehr Jahrhunderten“ besäßen und diese von der hl. Kaiserin Helena erhalten hätten! Wirklich besaß das Bonner Stiftskapital seit frühmittelalterlicher Zeit in unserer engeren Heimat das Zehntrecht in den Gemarkungen zu Au, Pracht, Oelsen, Birkenbeul, Geilhausen, Dahlhausen, Gansau und fernerhin auch zu Gierzhagen, Rommen, Mittel, Dreisel, Wilberhofen, Rössel und Dattenfeld. Hier nämlich befand sich der stattliche Fronhof, der noch 1508 verpachtet und um diese Zeit mit einem Burghause, Garten und beträchtlichen Liegenschaften vergrößert wurde. Die Zehntscheunen, volksmundlich „Pfaffenscheuern“ genannt, nahmen die Abgaben der Bauern des Pflichtigen Gebietes auf. Man unterschied den „großen Zehnt“, der alles, was „Halm und Stengel“ treibt, umfaßte und den „kleinen Zehnt“, der nur aus Garten- und Baumfrüchten bestand. Der Naturalzehnt ‚wurde vom Felde einkassiert, (z. B. Getreide);

der „Blutzehnt“ verlangte den zehnten Teil des Jungviehs; vom neugerodeten Ackerland forderte die Geistlichkeit den „Neubruchszehnt“ ein. Alle diese Zehnten (man könnte sie „natürliche Kirchenkassen“ nennen) waren bereits im 6. und 7. Jahrhundert allgemein eingeführt und wurden erst im 19. Jahrhundert abgelöst. Immerhin pflegte der Rosbacher Pastor noch vor 100 Jahren Ansprüche an den ihm schuldigen „Haferzehnt“ für sein Kirchspielspferd zu stellen. Die Stiftsherren zu Bonn bezifferten 1481 ihre Zehnteinkünfte aus der Grafschaft Sayn auf einen Wert von 250 Gulden (Pachtwert), aufgeschlüsselt

140 Gulden für das Kapitel (Stiftsgeistlichkeit),

83 Gulden für das Kellneramt (Rentmeister),

21 Gulden für das Refektorium (Küche),

6 Gulden für den Offizial (hoher Beamter des Archidiakonats).

Fast ein halbes Jahrhundert später wird dem saynischen Grafen als Pächter eine Belastung von 150 Gulden auferlegt. Zwei Jahre danach schon, 1524, stoßen die Stiftsherren ihre Zehntrechte im Saynischen für nur 500 Gulden an den Grafen ab (der rheinische Gulden als Rechnungseinheit am Rhein besaß einen Wert von etwa 2/3 Taler, also rund zwei Mark). Leider wissen wir nur ungenügend Bescheid über die Zehntverpflichtungen unserer Vorfahren. Das kostbare LIBER VALORIS ECCLESIARUM COLONIENSIS DIOOESIS (wertvolles Verzeichnis der Stifts-und Pfarrkirchen der alten Erzdiözese Köln) mit Silberbeschlägen in Buchform zusammengehalten, der Zeit um 1275 entstammend, führt die „Bona et allodia“ (Güter und Eigenbesitzungen) der engeren Heimat mit einem nach „marc“ berechneten Ertrag an:

„viij m vj. s                 Dattinvelt (Dattenfeld)

viij m                      Luenscheyt (Leuscheid)

v  m                       Rospe Capella (Rosbach)

viij m vj s              Hamne (Hamm)“

Diese Kirchen waren dem Münsterstifte Bonn, auch einer Gründung der Heiligen Helena, unterstellt. Das Stift hatte auch die Baulast der Hammer Kirche zu tragen. Die mit „VII marc“ Einkünfte und VIII s = Solidi Abgaben verzeichneten Beträge sollen hier kurz untersucht werden. Um 1000 kam die Berechnung nach Mark (marc) auf. Die kölnische Währung zu 12 Solidi galt bei der außerordentlichen Bedeutung Kölns als Kultur- und Handelsmittelpunikt am Rhein als „sicherer Kurs“. Aus Urkunden des 12. Jahrhunderts vermögen wir uns einige Vorstellungen vom Werte der Kölner Mark zu machen (Urkunden des Kölner Stadtarchivs) :

30 Morgen        Ackerland             35 marc 60 Morgen        Land                           24 marc

1   Morgen        Ackerland durchschnittlich  1 marc

1  Weinberg      Größe unbekannt                  8 marc

1  Pacht         auf Fischerei                      1 marc

1   Haus                            30-50 marc

1               Mastschwein                      1 marc

1  Monatssold für 15 Knechte und 10 Ritter        15 marc(!) 1  Karre          Holzkohlen                        8 marc.

(Man hat also den Wert einer kölnischen Mark mit 50 bis 150 Mark heutiger Währung anzusetzen!) Der Solidus, ursprünglich eine römische Münze, hatte zu fränkischer Zeit den Wert eines Ochsen oder gar einer Kuh. Er war der 12te Teil der Mark. Die Wörter Sold, Söldner, das italienische „soldo“ und französische „sou“ mögen mit dem Worte Solidus zusammenhängen. Das Verzeichnis von 1275 jedoch, das der Hammer Kirche Einkünfte in Höhe von VI Mark zuweist, gibt mit einer Erläuterung eine unwahrscheinliche Wertsteigerung des Geldes. Es wird nämlich beiläufig hinzugefügt, daß l marco =12 solidi, l solidus = 30 Garben Korn oder aber == l fetter Ochse wert sei! Also standen damals die Ochsen sehr niedrig im Kurs. Die Hammer Kirche verfügte noch über Stiftungen, die wahrscheinlich für .Seelenmessen bestimmt waren, so zu Gansau und zu Etzbach, wo 1637 „der korffs hoff genannt zu Etzbach järlige stenntige Rendt vermöch Inhalts der Kirchenregister“ zu steuern hatte; ferner zu Geilhausen, dessen Kapelle aus dem 12. Jahrhundert, mit großem Gute und Eichenwaldungen, 1420 gräflich-dillenburgisches Leben, 1486 käuflich an Hilgenrot’h und 1572 an Rosbach kam, zu dieser Zeit aber noch als „im Kirchspiel Harnm gelegen“ erwähnt. Im Zuge der Säkularisation wurde der Wiedenhof durch Napoleon 1813 für 6324 Taler weggegeben. Ein Jahr später erwarb ein Hammer Handelsjude für 315 Franken die Kapellen-Glocke, die er mit erklecklichem Gewinn an die Hilgenrother Kir-che weiterverkaufte. Das Schicksal der bonnischen Stiftszehnten darf hier noch kurz gestreift werden. Um 1580 weiß der Dattenfelder Pastor wohl von der Existenz der „bönnisdien Zehnten“, aber leider nichts von ihren Erträgnissen zu berichten. Mag sein, daß die Stiftsherren in dieser Beziehung sehr verschwiegen waren; wahrscheinlicher aber ist, daß in reformatorischer Zeit die Einkünfte nicht nur recht mager waren, sondern auch recht kummerlich einkamen. Darum versuchte man, das Zehntrecht für das Hammer Gebiet an Pächter abzutreten, wie es schon 1481 gesehehen war. Als die Reformation begann, erkannte der Graf von Sayn das „uralt verbriefte Recht“, das sich noch dazu auf eine Legende (hl. Helena!) stützte, nicht mehr an und beanspruchte das Zehntrecht für sich selbst. Der Zweck heiligt die Mittel: Unter anderem Vorzeichen liefen also die Natural- bzw. Geldabgaben weiter, nur daß sie ab 1525 der Graf oder sein Beamter mit stärkeren Machtmitteln einzutreiben verstanden. Besonders der zu seiner Zeit berüchtigte Rentmeister Brender aus Altenkirchen befleißigte sich unduldsamer Beitreibungsmethoden, die nicht einmal vor Landesgrenzen Halt machten. Der bergische Amtmann, Graf zu Nesselrode, wußte diesem argen Treiben energisch Paroli zu bieten. Noch 1725 ist von dem Brender-Zehnten unliebsam die Rede, während man die milde Hand der geistlichen Herren längst vergessen hatte. Es ist uns nicht überliefert, wann die Hammer Kirche erbaut wurde. Von der Dattenfelder Laurentius-Kirche wissen wir um den Schen-kungsakt des Jahres 895: Ein Angehöriger des Pfalzgrafengeschlechts namens Engelbertus übertrug am 16. Juni die Kirche Dattenfeld mit Hof (curtis), Wohnhaus, Scheunen und 30 Morgen Ackerland zusammen mit einer Kellnerei in Stieldorf den Brüdern zu Bonn. Das Alter der Wissener Kirche will man auf das Jahr 1000 ansetzen können. Zweifellos aber ist das Alter der Hammer Kirche höher als die erste Erwähnung im Jahre 1131 ahnen läßt: Allgemein hält man sie für eine erste Filiale der Altenkirchener Mutterkirche. In einer Handschrift des Klosters Maria-Laach wird „Altenkircha“ als Kirchort schon 737 nachgewiesen. Man darf annehmen, daß Altenkirchen ein erster wichtiger Stützpunkt der jungen christlichen Kirche im Westerwald war, von dem aus Tochtersiedlungen bzw. Kapellengründungen ausgingen. 930 gründete Eberhard von Franken Tochterkirchen oder Kapellen um Altenkirchen, vielleicht auch in Hamm, das zweifellos um 1000 schon seine Kirche besaß. 1131 werden auch die Altenkirchener Filialen Kroppach, Alpenrod und Altstadt, in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts wird Hilgenroth aufgeführt. Während die letztgenannte Kirche „Unserer lieben Frau“ geweiht war, hatten die Filialen wie vermutlich die Mutterkirche auch den Apostel Petrus als gemeinsamen Patron. Die beträchtliche Größe und Bedeutung der Urpfarrei Hamm läßt vermuten, daß ihr Filialencharakter frühzeitig aufgehoben wurde, zumal da Hamm nicht das Petrus-Patrozym angenommen hat. Bekanntlich bitten die katholischen Gläubigen bei Gründung oder Einweihung ihres Gotteshauses einen Apostel oder einen Heiligen zu fürsprechenden Paten, zu Patronen oder Schutzherren. Nach einer Leseart soll der hl. Severinus, der 482 hochverehrt verstarb, Schutzherr zu Hamm gewesen sein. Manche Heimatforscher haben Severinus Verdienste um die Misslonierung des alten Auelgaues zugeschrieben; eigenartigerweise hat dieser Heilige aber kein einziges Patronat im Dekanat Siegburg aufzuweisen. Severinus ist vielmehr mit dem Donaugebiet, mit Wien vor allem, verbunden gewesen. — Andrerseits spricht man Hamms Kirche dem Patronat des Heiligen Nikolaus zu. Zwar wird auch dieser bei keiner Kirche des Früh- und Ausbauzeit des Sieggaues vorgefunden, wird aber als Nebenpatron häufiger Im Saynischen gewählt, so zu Hachenburg, Marienberg, Alpenrod u. a. Pfarreien. Nikolaus, der Schimmelreiter, eine Wotansgestalt, bei Bingen einst der Schutzpatron der Schiffer, galt im 12. Jahrhundert als Heiliger der Kaufleute. Das in unserm Heimatraum zusammenstößende uralte Wegnetz macht die Wahl dieses Patrons einigermaßen verständlich; im hanseatischen Norddeutschland trifft man ihn oft an. Die 1648 gegossene Glocke trägt den Namen: S. Severinus. (s. Gesch. d. ev. Kirche). Das älteste Pfarrhaus (Wittun, Wiedenhof, WIDEME) stand vermutlich auf dem großen Platz am „Ringelsmorgen“, der zum Zehntgebiet gehörte. In reformatorischer Zeit war das Gebäude schon so baufällig, daß es 1618—19 neu erstellt werden mußte. Nach dem Zehntverzeichnis im LIBER VALOBIS bezogen die Pfarrer zu Dattenfeld, Wissen, Morsbach und Hamm die gleichen Einkünfte. In reformatorischer Zeit jedoch galt der Hammer Geistliche als der ärmste aller Pastoren im Dekanat Siegburg! Der Ertrag der Kirchenländereien wurde hier mit l Gulden, 1 Albus, 2 1/2 Pfund Wachs und 4 Pfund Öl (1559), der Erlös aus den Kirchenkapitalien (dem sogenannten Handgut) mit 6 Gulden und 10 Albus angegeben. In Leuscheid lagen die Verhältnisse ähnlich, während in Rosbach und Dattenfeld die Seelenhirten wesentlich besser dotiert waren. Die Geldform des Zehnts, bemessen nach kölnischer Mark, zeigt offenbar, daß seit Kreuzzugs-Zeiten der ursprüngliche Naturalzehnt für das Bonner Stift durch eine Abfindung abgelöst worden war. Vor 1560 (also in katholischer Zeit) setzte sich das Pfarreinkommen in Hamm zusammen aus den Erträgen der selbstbewirtschafteten Ptarrgrundstücke, deren es mindestens 33 gab; ferner aus den Zehnten und den Zinsen für ausgeliehene Pfarrkapitalien und schließlich aus den Gebühren für pfarramtliche Leistungen (sogenannte Stolgebühren). Zehntpflichtiig waren u. a. die

Gemarkungen von

a) Hamm       mit 156 Morgen

Seelbach     mit 180 Morgen (bis 1849)

Oettershagen  mit 46 Morgen

b) Idelberg    jährlich 6 Hähne im Werte 6 Albus 6 Pfge. Fürthen         „    2 Hähne im Werte 72 Pfge. (bis 1705) Geilhausen         1 Hahn im Werte 1 Albus sowie

2 Echzel Korn (vor 1626)

Thäler Busch „ für 6 Schweine des Pfarrers das Weiderecht

Breitscheidt   „    2 Malter Hafer (bis 1617)

Opperzau       „    2 Malter Hafer (bis 1780) sowie

„    2 Fuhren Brennholz

Fürthen          „    2 Fuhren Brennholz

An Stolgebühren wurden amtlich festgesetzt (saynische Ordnung, Taxe um 1700):

Trauung ohne Amt                                               l Reichstaler Taufbescheinigung                                             2 Gulden

Beerdigung für Erwachsene mit Predigt           l Reichstaler Beerdigung für Kinder                                         l Reichsort Leichenpredigt bei einem Kinde                         l Reichsort Taufen                        1703                      4 Blättert

1735                   10 Kreuzer

1818                   24 Kreuzer

1878                   84 Pfennige

Nottaufe                      1703                     l Rententaler

1746                    3 Kopfstück

Teilnahme am Abendmahl     1703                    l Albus

Trauung                    1703                                   1 Rententaler sowie 1 Schnupftuch sowie „Opfer der Gäste“ Testamentsgebühren       vor 1700            l Goldgulden.

(Übersicht: Goldgulden = ca. 10 Mark; (Silber-)Gulden = 2 Martk; der Reichsort = 1/4 Taler, der Taler zu 360 Pfennigen gerechnet; Blaffert = 4 Albus = 35 Pfennige; Kreuzer = 4 Pfennige. Die Werte schwankten erheblich. — Albus hatte 8—10 Pfennige Wert! — 1 Malter entsprach 8 Mesten, 1 Meste Hafer = 22 Pfund oder 80 gute Garben, 1 Echzel = „Achtel“ = 1 Faß. Im allgemeinen kann man den Malter Hafer mit knapp 3 Zentnern rechnen!)

An und für sich herrschte großer Mangel an Bargeld, so daß nach guter alter Sitte der „Pfaffe natürlich oder bestialisch“ getröstet wurde: Zur Illustrierung ein heiteres Sprüchlein, das dem arg enttäuschten Dattenfelder Pastor in den Mund gelegt wurde. „Liebe Leute von Übersehn — macht nicht, daß ich von Euch gehn, denn so schlechtes Korn und Vogelswicken, dürft ihr Euerm Pastor nicht schicken!“ Zu Hamm ließ man einen Pastor nach der Beerdigung eines Knaben zwei Jahre auf die ihm schuldigen 120 Pfennige warten und entschädigte ihn dann auf Mahnung mit einem „Maß Butter“ (1686). Um eine Leichenpredigt zu bekommen, fertigte ein trauernd Hinterbliebener dem Herrn Pastor 100 Speichnägel an.

Mehr als originell war der „schmale Blut- und Pfarrzehnt“ zu Hamm, von dem Pfr. Sinemus nach alten Archivalien erzählt: „Der Pfarrer hatte einen Stier und einen Eber zu halten, den die Zehntpflichtigen für ihre Tiere benutzen mußten. Sie hatten vom Kalb und vom Ferkel den Zehnten zu geben. Dazu kam auch noch das Lämmergeld, wann auf dem Pfarrhof der Widder stand. Der Reingewinn dieser Zehnten war aber gering. „Als 1650 neben den reformierten Pfarrer der lutherische eintrat, hatte der reformierte für den Eber, der lutherische für den Stier zu sorgen. Diese Verpflichtungen waren den Pfarrern begreiflicherweise höchst unerwünscht und lästig. 1705 klagten sie, „das ganze Kirchspiel benutze das Faselvieh zu nicht geringer Beschwer des Pfarrers“. Die wollten die »unanständige Verpflichtung los sein. Erst nach langen Streitigkelten wurde endlich 1848 (!) auch diese gelöst. Die Pfarrer hatten sich genug über das Mannvieh geärgert!“ Die Pfarrer wurden von dem Archidiakon, also vom St. Cassiusstift als dem „Collator“, eingesetzt. Mehrfach versuchten die Landesherren, dem Stifte dieses Recht streitig zu machen, indem sie den eingesetzten Pfarrern entweder die Einkünfte sperrten oder auch eigene Bewerber gegen den Willen der Collatoren ins Amt setzten. Der empörte Offizial zu Bonn nahm schon zu Beginn des 15. Jahrhunderts Veranlassung, in einem geharnischten Schrieb an die Schöffen, Schultheißen und Geistlichen in säynischen Landen gegen die unrechtmäßigen Ansprüche ihres Landesherrn zu protestieren. 1524 entstand zwischen Graf Johann V. von Sayn und dem Bonner Stiftspropst ein neuerlicher Streit um die Collatur zu Hamm. Der Grat setzte sich diesmal durch, vermutlich weil die Reformation die Stiftsherren einschüchterte.

In der Folgezeit wurde den Grafen ein gewisses Vorschlagsrecht zugestanden unbeschadet der Patronatsrechte des St. Cassiusstittes. In den Papstmonaten, d. h. den ungeraden Monaten, hatte der Graf ohnehin das Besetzungsrecht. 1543 heißt es von dem Hammer Pfarrer Gerhard Bruer, seine Einsetzung sei nach dem „Abfall“ (Weggang, Tod) seines Vorgängers Heinrich Beulgenauer im päpstlichen Monat durch den Stiftspropst erfolgt. Der Graf sah hierin eine Beschneidung seiner Rechte und verwehrte den Antritt des Pfarrers, der nun nach Hachenburg wechselte und dort 1580 zum Luthertum übertrat. Es ist durchaus nicht anzunehmen, daß der Landesherr bzw. seine Beamten immer eine glückliche Hand bei der Vergabe von Pfarrstellen bewiesen. Mancher wurde zum Hirtenamt berufen, der dazu ebenso dienlich war „wie ein Esel zum Harfenspiel“, zumal nicht einmal immer die erforderlichen theologischen Kenntnisse geschweige denn eine fachliche Ausbildung nachzuweisen war. 1553 wird dem Amtmann Beck diktatorisch befohlen, er möge seinen Neffen weihen und als Pastor in Altenkirchen einsetzen lassen. Der Hammer Pastor Johann Dorn wird kurzfristig nach Gebhardshain berufen, damit er den Gratengünstling Wilhelm Pampus einigermaßen auf das Pfarramt vorbereite, das er bislang wegen seiner Jugend nicht habe ausüben können! Viele Geistliche hatten überhaupt nicht studiert, sondern nur eine „Lehrzeit“ durchgemacht. Es ist darum verständlich, wenn gerade solche ungeschulten Pastoren ohne geistiges und theologisches Rüstzeug zu kritiklosen (Befehls empfängern ihres Landesherrn wurden! Als erster Pfarrer zu Hamm wird Erkenbertus genannt, der sich in einer Urkunde am 14. Dezember 1300 als „plebanus de Hamne“, d. i. Pfarrer zu Hamm, bezeichnete. Als seinen Nachfolger bestimmten die Stifts’herreri zu Bonn einen Rittersohn Albero von Au. Au war Zehntland und Besitzung eines Ritters, der mit seiner Schwester Beatrix 1335 der Abtei Marienstatt den Hof Lauterbach und seine (Erbgüter übereignete. Die Besitzungen der Brüder Jakob und Hermann von Au, soweit sie im Kirchspiel Hamm lagen, wurden 1386 für 50 Gulden an Eberhard von Bracht (Pracht) abgetreten. 1345 konnte ein Pfarrer, der Rektor Johannes, zu Gunsten der Stifter und Wohltäter einen päpstlichen Ablaßbrief erwirken. Ein 14tagiger Ablaß wird den Gläubigen ‚gewährt, die beim Klang der Abendglocke drei AVE-MIARIA beten. Der letzte Hammer Pfarrer in vorreformatorischer Zeit war Johannes Schlebusch, der schon 152.3 in dem Wiedenhofe am Ringelsmorgen wohnte und 1563 des Landes verwiesen wurde, weil er nicht seinen überkommenen Glauben aufgeben wollte. (S. „Die Reformation“). Die Urpfarrei Hamm hatte eine wesentlich größere Ausdehnung als die gegenwärtige Bürgermeisterei. Zweifellos umfaßte sie einst den ganzen Komplex der „hammischen Honnschaft“. Ihr gehörten folgende Dörfer, Weiler und Höfe an: Au an der Sieg, Au an der Nister(Anm:1845 gegr.), Auer Mühle, Bellingen, Birkenbeul, Bitzbruch, Bitzen, Breitscheidt, Bruchertseifen, Dellingen, Dünebusch, Etzbach, Forst, Fürthen, Gansau, Geilhausen, Haderschen, Halscheid, Hämmerholz, Hamm, Hassel, Hausen, Heckenhof, Heide, Herrgottsau, Hohensayn, Hof Holpe, Imhausen, Kaltau, Kappenstein, Kohlrich, Kratzhahn, Langenbach, Lechenbach, Marienthal, Mümmelbach, Neuhöfgen, Niederhausen, Oberirsen, Oettershagen, Opperzau, Opsen, Pfaffenseiten, Pfannenschoppen, Pracht, Roth, Salterberg, Schlade (Anm: 1845 gegr.), Seelbach, Seifen, Seifermühle, Thai, Thalhausen, Ückertseifen, Unterschützen, Wäldchen, Walbach, Weißenbrüchen und Wickhausen.

Im Jahre 1576 strebte Niederirsen die Einpfarrunig nach Leuscheid an. Im Jahre 1780 wurden Au (Sieg), Gansau, Geilhausen, Halscheid, Hausen, Imhausen, Teile Niederhausens und Opperzaus sowie Bellingen nach Rosbach eingepfarrt, nachdem diese Ortschaften bereits 1607 bergischer Besitz und nach Windeck eingeamtet waren. Im Jahre 1872 schloß sich Pirzenthal an die evgl. Pfarrei Wissen an, deren Gläubige 1836—1862 zum evgl. Kirchspiel Hamm gehörten.

Seit dem Jahre 1821 gehören Seifen zur Pfarrei Holpe und Pfaffenseifen zur Pfarrei Hilgenroth.