„Ja! Kirche ist noch systemrelevant!“

Ist die Kirche überhaupt noch systemrelevant?“ Gerade in den Anfangswochen der Corona-Pandemie schoss diese Frage durch den illustren Blätterwald und kochte plötzlich in den weiten Welten des deutschsprachigen „Netzes“ hoch. Inmitten von systemrelevanten Institutionen und Menschen – „Wer schafft die Lebensmittel zu den Menschen? Wer organisiert die Ordnung einer plötzlich „verrückten“ Welt? – sprach „man“ plötzlich der Kirche, die angesichts der unbekannten Virus-Bedrohung den Schutz des „Nächsten“ durch einen Verzicht auf Nähe lebte, ihre Systemrelevanz ab.

„Ja! Kirche ist (noch) systemrelevant!“ Nikolaus Schneider, ehemaliger EKD-Ratsvorsitzender und langjähriger Präses der Evangelischen im Rheinland (links) wagte dazu eine „klein – laute, aber doch hoffnungsfrohe positive Antwort“. Der Theologe, der heute im Ruhrgebiet lebt, unterstrich dies beim Jubiläumsfest der Stiftung unseres Kirchenkreises, das in diesem Jahr nur online stattfinden konnte.

Bereits beim ersten Fest der kreiskirchlichen Stiftung vor zehn Jahren war Nikolaus Schneider als Festredner dabei und wäre auch diesmal mit seinem Festvortrag gern näher an die Menschen herangerückt, hätte gern mit ihnen diskutiert und geplaudert.

Viele Gästen zeigten „Gesicht“

Doch auch über die Bildschirme erreichten seine klaren Worte und sein fester Standpunkt ein „buntes“ Publikum. Neben Kirchenaktiven und kirchennahen Menschen waren – so die Tradition der alljährlichen Stiftungsfeste – auch Menschen aus der heimischen Kommunalpolitik, Gesellschaft und Wirtschaft dabei, die ihre Weltsicht und ihren Blick von außen mit einbrachten. Mehr als 50 Gäste zeigten ihr Interesse. Unter ihnen auch Superintendentin Andrea Aufderheide, Mitglieder des Kreissynodalvorstandes und der Pfarrerschaft und der ehemalige Stiftungsratsvorsitzende Dieter Sonnentag.
Kreisbeigeordneter Gerd Dittmann, die Bürgermeister Wolfgang Schneider (Daaden-Herdorf), Dietmar Henrich (Hamm) und Beigeordneter Brenner (Betzdorf-Gebhardshain) vertraten u.a. die heimische Kommunalpolitik, Michael Bug und Dr. Thomas Kölbach die heimischen Geldinstitute.

„Bibel ist der notwendige Maßstab“

Schon zu Beginn seines Vortrages machte Nikolaus Schneider klar, aus welcher Perspektive er die Sicht auf die Systemrelevanz von Kirche aufgreift: „Ich verstehe ‚die Kirche‘ als institutionell auf mehreren Ebenen organisierte Gemeinschaft von Menschen, die Jesus Christus als Gottes lebendiges Wort bekennen. „Die Kirche“ ist für mich dabei zwar in erster Linie, aber nicht ausschließlich, „die evangelische Kirche in Deutschland“.

Grundlegend und unverzichtbar für sein Kirchenverständnis ist dabei die Bibel der notwendige Maßstab und Bezugspunkt für das kirchliche Zeugnis von Jesus Christus, dem Haupt ‚der Kirche‘ in all ihren unterschiedlichen Denominationen und institutionellen Gestalten.

„Das ist ein Maßstab, der unsere Kirche gerade nicht zur Besitzerin der absoluten Wahrheit Gottes autorisiert oder zu eindeutigen konkreten Wahrheiten und Stellungnahmen in politisch-ethischen Entscheidungen befähigt.“

„Kirche kann Menschen inspirieren“

„Unser freiheitlicher, säkularer Staat braucht Menschen, die sich um Gottes Willen mit Verstand und Gefühl um Alte, Kranke, Schwache, Außenseiter und Flüchtlinge kümmern. Gerade auch jetzt, wo in Folge der Corona Pandemie menschliche Nähe und körperliche Berührungen mit der Gefahr von Ansteckung verbunden sind!“. Auch im Ruhestand beschäftigt sich der Altpräses intensiv und öffentlich mit den Fragen rund um „Gott und die Welt“. Er sieht im diskursiven und tätigen Bezeugen die Chance, dass „unsere Kirche ihre System-relevanz auch unter den Bedingungen einer säkularen und pluralen Demokratie behalten wird!“

Deshalb hätte er in den Anfängen der Pandemie gerne etwas mehr persönliche Nähe der Christenmenschen zu Sterbenden, Einsamen und Kranken gesehen. Wenn sich medizinisches Personal um Sterbende kümmere und sich dabei schützen könne, „hätten wir das als Christenmenschen auch versuchen sollen. Dann ist christliches Engagement gefragter denn je!“

„Wir brauchen in unserer säkularen Gesellschaft das verbindende Ethos des Respekts vor der unantastbaren Würde jedes Menschen. Dazu kann die Kirche Menschen inspirieren,“ stellte er heraus.

Für den renommierten Theologen trug und trägt die Kirche Jesu Christi die Auf-forderung an alle politisch Verantwortlichen heran, mit den ihnen zu Gebote stehenden Mitteln in ihren jeweiligen Staatssystemen für Recht und Frieden zu sorgen. „Und heute ist zu ergänzen: für die Bewahrung der Schöpfung zu sorgen!“

„Gottes Geschöpfe sind zu Verantwortung befähigt und berufen – mit diesem Gottes- und Menschenbild begründet unsere Kirche hier und heute ihre menschenfreundliche Systemrelevanz. Sie kann Menschen inspirieren, dem menschlichen Maß entsprechend Verantwortung für die Gestaltung ihres Lebens und das ihrer Gesellschaft zu übernehmen!“

Projekte in Pandemie-Zeiten

Diesmal nur stark gekürzt und dem Medium einer Online-Veranstaltung angepasst, gab es Einblicke in Projekte des Kirchenkreises, die aktuell gefördert wurden oder werden. Pandemiebedingt waren manche Projekte noch nicht umsetzbar – etwa das der Kirchengemeinde Wissen, die für Kinder und Jugendliche ein Graffiti-Projekt anbieten werden. Andere Projektförderungen halfen – wie schon 2020, dass in außergewöhnlichen Pandemie-Zeiten in den Gemein-den neue kirchliche Angebote – etwa im Online-Bereich der Verkündigung oder für Musikübertragungen (Betzdorf und Almersbach), für darstellendes Erzählen (Daaden) oder Naturschutzprojekte in der Arbeit der Altenzentren u.a. möglich werden konnten.

Ina Löhr (KG Almersbach/links)), stellvertretende Vorsitzende des Stiftungsrates, stellte die Projekte vor. Gemeinsam mit ihren Vorstandskollegen Brigitte Jung (Daaden), Paul Seifen (Flammersfeld) und dem Vorsitzenden Prof. Dr. Dr. Michael Klein (KG Hamm/rechts), der die Moderation der online-Feier übernommen hatte, hofft sie, dass in 2022 wieder ein „normales“ Stiftungsfest stattfinden kann. Ein Fest, an dem die wunderbaren Projekte lebendig und bunt von ihren Trägern vorgestellt werden können und wo bei „Speis und Trank“ viel Austausch untereinander möglich ist.

 

Ebenfalls im kleinen Rahmen, aber von bester Qualität, gab es beim Jubiläums-Stiftungsfest natürlich auch Musik: Daniela Burbach aus Wissen setzte hier die Akzente der Festmusik mit Klavier und Gesang.

 

 

 

 

 

Immerhin bekam Nikolaus Schneider ein bisschen Westerwald/Siegerland zum Anfassen: Der Geschenkkorb mit lokalen Köstlichkeiten landete unversehrt im Ruhrgebiet. 

Text: Petra Stroh/Bilder – online-Fotos/ Petra Stroh/Sabine Barczyk